Wer nachts auf der Autobahn unterwegs ist, erkennt sie schon von weitem: Die blinkenden Lichter der Begleitfahrzeuge von Schwertransportern, die Rotorblätter und Turmsegmente zu ihren zukünftigen Standorten bringen. Der Transport von Windenergieanlagen ist eine Herausforderung – sowohl technisch als auch logistisch.
Rund 20 Meter lang waren die Rotorblätter der ersten Windenergieanlagen in den 1980er Jahren. Inzwischen sind bei Onshore-Anlagen, also Anlagen an Land, Flügellängen von 60 bis 90 Metern üblich. Die zunehmende Größe wirkt sich positiv auf die Stromerzeugung aus. Doch die Transporte werden immer anspruchsvoller. Aufgrund von Größe und Gewicht müssen Rotorblätter und die weiteren Bauteile der Anlagen per Schwerlasttransportern zum Zielort gefahren werden. 15 bis 25 solcher Fahrten sind pro Windenergieanlage nötig. Im Rheinischen Revier geht das meist relativ problemlos. „Die besonderen Herausforderungen liegen derzeit eher im südwestfälischen Raum, da hier insbesondere die bewegte Topographie und die Vielzahl an lastenbeschränkten Brücken die Transporte erschweren und verzögern“, so die Erfahrung von Alexander Oberhuber, Stabsstelle Windenergie Straßen.NRW.
Einsatz von Spezialfahrzeugen
Inzwischen gibt es Unternehmen, die sich auf Windenergieanlagentransporte spezialisiert haben und über einen entsprechenden Fuhrpark verfügen. So können sogenannte Blade-Lifter die Rotorblätter bis zu einem Winkel von 60 Grad anheben, wodurch so manches Hindernis überwunden werden kann. Ist die Streckenführung so eng, dass die Sattelzugmaschine nicht mehr manövrieren kann, übernimmt ein selbstfahrender Modultransporter. Diese hochspezialisierten Schwerlastfahrzeuge haben mehrere Achsen, die einzeln angesteuert werden und per Fernsteuerung zentimetergenau gefahren werden können. „Im Raum Erndtebrück-Bad Laasphe werden derzeit mehrere größere Windparks angedient. Aufgrund der Topographie und der sehr kurvigen Streckenverläufe werden hier im großen Stil diese sogenannten Selbstfahrer eingesetzt.“, sagt Oberhuber. Es gibt sogar modulare Brückenüberfahrsysteme, die eingesetzt werden, wenn bei einem Transport die Tragfähigkeit von Brücken überschritten wird.
Strecke muss genaustens geplant werden
Doch bevor überhaupt an einen Transport zu denken ist, muss im Vorfeld eine intensive Streckenstudie erfolgen, denn nicht jede Straße, Kurve, Unterführung und Ortsdurchfahrt ist für die sperrigen Bauteile befahrbar oder passierbar. Doch manchmal nützt die beste Planung nichts. „In sehr seltenen Fällen kommt es tatsächlich vor, dass ein Transport trotz vorhandener Streckenstudie und Genehmigungen an einer bestimmen Stelle der Strecke zum Stillstand kommt“, erklärt Oberhuber. „Dies kann etwa passieren, wenn in der Streckenstudie eine Engstelle übersehen wurde. In solchen Situationen ist das Transportfahrzeug nicht mehr in der Lage weiterzufahren, was gravierende Auswirkungen auf den restlichen Verkehr haben kann.“
Verschiedene Genehmigungsbehörden
Für jede Route müssen die entsprechenden Genehmigungen eingeholt werden. Dabei muss der Schwertransport mit ganz unterschiedlichen Behörden abgestimmt werden: Für die Autobahnen ist die Autobahn GmbH des Bundes zuständig, bei Landes- und Bundesstraßen ist in Nordrhein-Westfalen Straßen.NRW der richtige Ansprechpartner, für Kreisstraßen erteilen bei Städten und Gemeinden die dort zuständigen Ämter die Erlaubnis und bei Feld- und Waldwegen müssen die Eigentümerinnen und Eigentürmer der Grundstücke die Genehmigung erteilen.
Abbau von Ampeln und Geländern
Bei der Streckenplanung spielen auch die Dimensionen der einzelnen Bauteile eine Rolle. Rotorblätter, Turmsegmente und Gondel sind teilweise so breit, dass Straßenschilder, Ampelanlagen und Geländer abmontiert oder Sträucher und Bäume zurückgeschnitten werden müssen. Auch das muss mit den entsprechenden Behörden im Vorfeld geklärt und abgestimmt werden. „Bei einer ungünstigen Streckenführung kann es passieren, dass 50 bis 60 unterschiedliche Behörden angehört werden müssen", sagt Jörg Reißing, Bereichsleiter Technik und Umwelt bei Straßen.NRW. Damit der normale Verkehr so wenig wie möglich behindert oder gestört wird, finden die Schwertransporte innerhalb vorher festgelegter Zeitfenster statt, meist in den Nachtstunden. Zusätzlich zu den privaten Begleitfahrzeugen werden die Schwertransporte auch von der Polizei abgesichert und überwacht.
Stabsstelle Windenergie berät und unterstützt
Um die langwierigen Abstimmungsprozess im Vorfeld des Transports von Windenergieanlagen zu beschleunigen und zu vereinfachen, hat das Land bei Straßen.NRW im Mai 2024 die Stabsstelle Windenergie eingerichtet. Sie dient als zentrale Anlaufstelle für Windenergieanlagentransporte und berät und unterstützt die Windanlageninvestoren, -betreiber, -verbände und -transporteure bei der Planung, Beantragung und Vorbereitung der erforderlichen Windenergietransporte.
Einbindung von alternativen Transportwegen
Auch alternative Transportwege sollen zukünftig stärker mit eingebunden werden. So verfolgt das „Pilotprojekt Windpark in Nordrhein-Westfalen“ des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr unter anderem den Nachweis der Machbarkeit und Eignung von Großraum- und Schwertransporten (GST) über Wasserstraßen, die Beschleunigung der Transportgenehmigungen für multimodale Transporte und die Entwicklung eines transparenten Planungsprozesses für den gebrochenen GST als Ziele.
Mehr Strom für den Gigawattpakt
Der Ausbau von Windenergieanlagen trägt dazu bei, dass immer mehr Strom aus Erneuerbaren Energien erzeugt wird. Den Ausbau der grünen Energie im Rheinischen Revier zu beschleunigen, das ist das Ziel des Gigawattpakts. Das im März 2022 geschlossene Bündnis der NRW-Landesregierung mit Kommunen, Kreisen und Unternehmen will die Kapazität der Erneuerbaren Energie bis 2028 auf mindestens 5 Gigawatt erhöhen und so den Strukturwandel vorantreiben.