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teaser-bildFoto: Zukunftsagentur/Pakura

08.12.2021

Herzogenraths Wandel I: Von der Grube zur Innovationsschmiede

409 Jahre: So lang ist es her, dass die Grube Laurweg in Kohlscheid erstmals urkundlich erwähnt ist. Im Jahr 1612 sah Galileo Galilei als erster Astronom den Planeten Neptun mit seinem Teleskop. Dass die zeitgleich neue Grube Laurweg perspektivisch ein international vernetzter Technologiepark werden würde, dachte da wohl keiner. Jahrhunderte war die Steinkohle unter Tage für zahlreiche Menschen Broterwerb und Garantie für warme Winterabende. 1955 schließlich verließ das letzte Stück Kohle in Kohlscheid den Grubenverband Laurweg-Voccart-Gouley, Betriebsende war 1960.

Foto: TPH GmbH, Fotograf unbekannt

Das wiederum ist sechs Jahrzehnte her. Die Älteren im Herzogenrather Stadtteil Kohlscheid erinnern sich sogar noch daran, wie es damals aussah an der heutigen Kaiserstraße. Die hohen Schornsteine, die dunklen Gebäude, die eine rote Ziegelsteinmauer von der Straße trennte. Heute steht an gleicher Stelle ein gleich in mehrfacher Weise offener Bau mit viel Glas und blauen Metallelementen. In den 1980ern ist er entstanden, wächst seitdem und ist einer der größten seiner Art in Deutschland: der Technologiepark Herzogenrath (TPH).

Einzelne Gebäudeteile der früheren Kohlewirtschaft stehen noch. In einem von ihnen sitzt einer der bekanntesten Unternehmen des TPH: das schwedische Telekommunikationsunternehmen Ericsson, das einen bedeutenden Eckpfeiler seiner internationalen Entwicklungsaktivitäten der eigenen Informations- und Kommunikationstechnologie im TPH eingerichtet hat. In Herzogenrath haben die Fachleute jeden einzelnen Mobilfunkstandard seit 2G mitentwickelt.

Foto: Zukunftsagentur/Pakura

Ein paar Schritte entfernt: Aixtron. Das Elektrotechnikunternehmen hat hier seinen Hauptsitz. Der DAX-gehandelte Hersteller von Verbindungshalbleitern und Nanomaterialien hat in seinem Produktportfolio auch eine Lösung, die den immensen Anforderungen des Micro-LED-Marktes gerecht wird. Und Micro-LED gilt als eine der Schlüsseltechnologien für Displays von morgen, an deren Revolutionierung Aixtron mit den gehandelten Anlagen maßgeblich teilhat. Resultat: Das 1983 aus der RWTH heraus gegründete Unternehmen, das übrigens schon seit 2019 klimaneutral arbeitet, hat Ende Juli diesen Jahres ein Plus von 90 Prozent beim Auftragseingang verkündet.

„Das sind nur zwei große Erfolgsgeschichten von vielen hier“, macht TPH-Geschäftsführer Michael Eßers eine ausladende Bewegung durch das offene Innere des Gebäudes, das sich sogar mit dem Transporter ansteuern und durchqueren lässt. Auf 25.000 Quadratmetern Nutzfläche zuzüglich selbstinvestierter Gebäude verteilen sich 80 Unternehmen mit insgesamt rund 2.500 Mitarbeitenden. Vom 20-Quadratmeter-Büro über Laborräume bis zu für Maschinen individuell angepassten Hallen ist alles enthalten. Und es könnte noch mehr sein, denn die Nachfrage ist enorm, die Auslastung bei aktuell 100 Prozent. „Wir brauchen mehr Platz“, sagt Eßers. Es ist keine Klage, sondern eine Ankündigung.

„Unserem Motto ‚starten – wachsen – investieren‘, mit dem wir uns mit besonders günstigen Mietkonditionen in den ersten fünf Jahren vor allem an Start-ups und Gründer wenden, folgen wir auch selbst, indem wir größer werden wollen und dabei das Gesicht Kohlscheids noch maßgeblicher prägen“, kündigt Eßers an. Der TPH will nämlich Erweiterungsgebäude angehen und hat hierfür bereits konkrete Pläne. Ein Neubau ist zwischen dem „Kern-TPH“ auf dem früheren Grubengelände und dem Erweiterungsgebiet Dornkaul am Ortseingang von Kohlscheid (von Aachen kommend) angedacht und soll demnach künftig neue Möglichkeiten und noch mehr Platz für Innovation und weitere Arbeitsplätze bieten. Derweil ist der nächste Bahnhof fünf Minuten Fußweg, Aachen fünf Minuten Autofahrt, der RWTH-Campus Melaten keine zehn Minuten Autofahrt entfernt. Eine bessere Lage, gerade für Ausgründungen, gibt es kaum.

Nebenbei, nicht nur Menschen aus der Region tüfteln in Kohlscheid an zukunftsfitten Technologien. Im TPH I beispielsweise sitzen sie Tür an Tür mit Kollegen aus Fernost: Im Vorjahr ist das Koreanisch-Deutsche Center für Technologiekooperation (KGTCC) hier eingezogen – das erste und bisher einzige seiner Art in ganz Europa. Zehn mittelständische koreanische Unternehmen entsenden wechselnde Mitarbeitende hierher, um mit deutschen Forschungsinstituten und Unternehmen zusammenzuarbeiten. Ziel neben Austausch und Wissensmanagement: in Zukunftsfelder investieren.

Foto: Zukunftsagentur/Pakura

Und obwohl es über die vielen Firmen, die im TPH schon gewachsen und erfolgreich in „eigene vier Wände“ weitergezogen sind, und über die zahlreichen Innovationen, die aus dem blauen Stahlbau hervorgegangen sind, noch viele Geschichten zu erzählen gäbe, schließt sich hier bereits der 409 Jahre alte Kreis dieses Orts. Zu Grubenzeiten wie heute arbeiten hier Menschen – heute übrigens mehr als damals -, zu allen Zeiten brachte und bringt der Ort etwas hervor, was vielen nutzt. Veränderung bedeutet also nicht Verschlechterung, sondern birgt viele Chancen. Der TPH hat sie erkannt und genutzt, als die Ära der Steinkohle zu Ende war, und den Ort in die Zukunft geführt. Ein brillantes Beispiel aus dem Rheinischen Revier, wie Strukturwandel tatsächlich schon gelungen ist. Doch die Geschichte von Herzogenrath ist noch lange nicht zu Ende: Die ehedem von Bergbau geprägte Grenzstadt will künftig eine Pionierrolle im Bereich Energie einnehmen. /pak

Welche Zukunftspläne Herzogenrath verfolgt und warum das Hand in Hand mit der Bürgerschaft passieren soll, wird Teil zwei unseres Blickes auf Herzogenrath verraten. Freuen Sie sich in der Weihnachtswoche darauf!

Zum zweiten Teil dieser Geschichte „Herzogenraths Wandel II: Hand in Hand zum Pionier der Energiewende" geht es hier.

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